Und so kam ich nachts um 2:00 Uhr auf dem Flughafen Charkiw an

Mein Name ist Sylvana, ich bin 26 Jahre alt und komme aus Sachsen. Ich studiere an der TU-Dresden Russisch und Kunstgeschichte. Um meine Russisch-Kenntnisse zu verbessern und Auslandserfahrung zu sammeln, habe ich mich dafür entschieden, ein Praktikum in einem russischsprachigen Land zu absolvieren. Die Ukraine interessierte mich dabei besonders, weil im Osten des Landes noch immer Russisch gesprochen wird und der Staat zwischen Europa und Russland vor der Europameisterschaft 2012 so stark in den Medien präsent war, dass ich mir selbst ein Bild machen wollte von diesem großen und vielfältigen Land. Außerdem ist ein Visum erst ab einer Aufenthaltsdauer von mehr als 3 Monaten notwendig, was die Vorbereitungen sehr vereinfacht.

Und so kam ich nachts um 2:00 Uhr auf dem Flughafen Charkiw an. Ich hatte dadurch die Chance, Charkiw bei Nacht und ohne Menschen kennen zu lernen. Das war  eine gute Erfahrung, da ich die Gelegenheit hatte, die Stadt auf mich wirken zu lassen. Und es hat gleich gefunkt.

An meinem ersten Wochenende in der Stadt lernte ich gleich meinen Praktikumsverantwortlichen der Universität kennen, an der ich als Projekt- und Sprachassistentin tätig bin. Ich traf auch gleich  deie weiteren Praktikanten, die an anderen Universitäten in Charkiw als Sprach- und Projektassistenten tätig sind. So konnten wir uns austauschen und ich konnte alle meine Fragen über das Leben und den Alltag in der Ukraine loswerden.

Auch im Deutschen Zentrum wurde ich sehr herzlich und freundlich empfangen. Wir besprachen die Projekte, die ich betreuen sollte  — und gingen danach zusammen Eis essenJ. Im Anschluss bekam ich gleich eine kleine Stadtführung, was sehr interessant und schön war.

Mit rund 1,5 Millionen Einwohnern ist Charkiw die zweitgrößte Stadt der Ukraine und war die erste Hauptstadt. Später wurde sie von Kiew abgelöst. Die Stadt im Nordosten des Landes umfasst in der Fläche 30 Tausend Hektar.

Charkiw ist eine sehr grüne Stadt. Selbst im Stadtzentrum, in dem ich wohne, braucht man nur 1-2 Minuten laufen und schon ist man im Grünen. Die vielen Parks, wie z.B. den Schewtschenko-Park, sind prägend für das Stadtbild. Im Schwetschenko-Park befinden sich eine Wassertreppen und ein Delfinarium mit Hotel, in dem man unter dem Becken schlafen kann. Aber das habe ich noch nicht ausprobiert.

Außerdem hat Charkiw noch einen botanischen Garten und den erst frisch wieder eröffneten Gorki Park. Der Gorki Park ist in 2 Bereiche aufgeteilt: den Vergnügungsteil mit vielen Fahrgeschäften, wie z.B. einer Achterbahn, einer sich drehenden Schaukel und noch vielem mehr. Und einem Parkteil, in dem man spazieren gehen kann.

Der „Platz der Freiheit“ im Stadtzentrum ist der größte Platz Europas. An ihn schließt die alt-ehrwürdige Karazin-Universität und das Derschprom- Gebäude an. Zu seiner Bauzeit in den 20er Jahren war das Dershprom-Gebäude das modernste und erste, das mit Stahlbeton gebaut wurde. Das Gebäude sollte im 2. Weltkrieg zerstört werden, was aber verhindert werden konnte. Man zündete es an, durch die Stahlbetonkonstruktion blieb es aber stehen. Architektonisch ist außerdem. das Opernhaus der Stadt Charkiw zu nennen. Gegenüber befindet sich ein kleiner Park, in dem es einen Brunnen gibt, welcher Nachts beleuchtet ist. Er ist dann wirklich wunderschön, weil es dann eine Lichtershow gibt.

Hier in Charkiw war ich auch zum ersten Mal in einem großen Fußballstadion. Das Metallist-Stadion (benannt nach dem hiesigen Fußball-Team „Metallist“) wurde extra für die Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine umgebaut. Hier bestritten die Niederländer alle Vorrunden-Spiele, etwa auch gegen die deutsche Nationalmannschaft.

Charkiw ist das bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum der Ukraine. Das merkt man vor allem daran, dass man mit Englisch bei jungen Leuten sehr weit kommt. Ältere Menschen sprechen in der Regel kein Englisch. Deutsch ist eine weitere, sehr populäre Fremdsprache. Man trifft immer Leute, die Deutsch und Englisch beherrschen, was man im ersten Moment gar nicht erwartet. Allgemein gibt es sehr viele junge Leute und Studenten in Charkiw, und abends ist immer etwas los auf den Straßen. Die Leute sind hier alle sehr freundlich, warmherzig und hilfsbereit. Vor allem junge Leute sind sehr offen, sodass man sehr schnell Anschluss findet. Auch im Alltag trifft man auf große Hilfsbereitschaft aller Bevölkerungs- und Altersgruppen. Wenn man z.B. nach dem Weg fragt, bemühen sich die Leute sehr, alles zu erklären, und sie fragen auch noch einmal nach, ob man es verstanden hat. Das  kommt mir natürlich sehr entgegen, weil ich nicht immer gleich alles verstehe, was man mir auf Russisch sagt. Die Leute versuchen dann, es mit anderen Worten zu erklären, dann klappt es meistens.

Ich bin in einem städtischen Studentenwohnheim untergebracht. Das Wohnheim ist sehr schön, sauber und hell. Es liegt in Zentrumsnähe, Metrostation und Einkaufsmöglichkeiten befinden sich ganz in der Nähe. Ich habe ein eigenes Zimmer und Bad. Mein Frühstück und Abendessen nehme ich in der Mensa des Wohnheims zu mir. So habe ich schon Einblicke in die ukrainische Küche bekommen. Man muss sich schon daran gewöhnen, zum Frühstück gleich Fleisch zu essen. Ich lasse es meistens weg und esse nur den Grießbrei, der sehr lecker ist.

Aber auch diejenigen, denen die ukrainische Küche nicht zusagt, werden in Charkiw nicht verhungern. Die Gastronomie in Charkiw ist sehr vielfältig. Es gibt sowohl regionale Spezialitäten wie auch internationale Küche. Von Sushi, italienischer Küche, bis hin zu verschiedenen kleinen Schnellrestaurants und natürlich McDonalds ist in der Stadt also wirklich für jeden Geschmack etwas zu finden. Es gibt überall  kleine Kioske, die Zeitschriften, Fastfood und Obst verkaufen. In den Universitäten sind Stände mit Piroggen und Gebäck. Es gibt natürlich auch Kioske, bei denen man Tee, Kaffee und Süßigkeiten kaufen kann. Und es gibt sehr viele kleine und große Märkte, auch den größten Markt Europas, den Barabaschova-Markt. In Charkiw gibt es sehr viele Banken, unter anderem auch eine Commerzbank und eine Postbank, so dass man keine Probleme hat, Geld abzuheben.

Natürlich sind einige Aspekte des täglichen Lebens anders als in Mitteleuropa. So musste ich mich beispielsweise erst an die sanitären Anlagen gewöhnen. Internet gibt es fast überall. In meinem Wohnheim stockt die Internetverbindung manchmal ein bisschen, aber an meinem Arbeitsplatz habe ich immer sehr guten Internetzugang!

In der Stadt wird viel gebaut, und man hat immer mal kleinere Baustellen, um die man herumlaufen muss. Das stört aber nicht weiter, weil die Gehwege relativ schnell wieder frei sind. Mit dem Rest lässt man sich dann etwas mehr Zeit.

Der Verkehr ist hier eine Welt für sich. Auch wenn die Ampel grün ist, sollte man als Fußgänger aufmerksam bleiben. Was aber anders ist, ist das ständige Gehupe. Es ist wirklich spannend zu beobachten, wann gehupt wird. Wenn z.B. ein Auto rückwärts fährt, wird es von einem ankommenden Auto an gehupt um zu signalisieren das es nicht weiter fahren soll. Dann wird immer gehupt wenn ein Auto auch nur eine Sekunde zu lange an der grünen Ampel steht und meistens einfach nur um seinen Ärger kundzutun. Es wird auch so lange gehupt bis die Situation vorbei ist. Wer kein Auto hat, fährt mit einem der zahlreichen Verkehrsmittel. Es gibt eine Metro, Trolleybusse, Straßenbahnen und Marschrutkas. Die U-Bahn ist mit 3 Linien und 26 Bahnhöfen das zweitgrößte U-Bahnsystem in der Ukraine, und meistens kommen die U-Bahnen auch im 5 Minuten Takt. Es gibt 12 Eisenbahn- und Busstationen, einen internationalen Flughafen und ein gutes System des öffentlichen Nahverkehrs. Mit umgerechnet 20 Cent pro Fahrt sind sie auch nicht teuer. Ansonsten läuft man viel zu Fuß. Das Fahrrad ist nicht sehr verbreitet, es gibt auch kaum Fahrradwege, und auf der Straße zu fahren, ist zu gefährlich. Aber man sieht trotzdem immer wieder vereinzelt Menschen, die mit dem Rad unterwegs sind. Im Gorki Park kann man sich Fahrräder ausleihen.

Im Sommer und Frühherbst ist das Wetter sehr schön, vor allem auch warm. Tagsüber scheint fast immer die Sonne. In den Nächten kühlt es dann sehr schnell ab, aber es ist auf keinen Fall zu kalt.

Insgesamt gefällt es mir sehr gut in der Ukraine. Bei Multikulti und im Deutschen Zentrum sind alle so warmherzig, freundlich, fürsorglich und lustig, dass man sich jeden Tag freut  auf „Arbeit“ gehen können.

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